Zum elften Mal fand in Brno (deutsch: Brünn), der zweitgrößten Stadt Tschechiens, das Maraton-Musikfestival, Maraton hudby Brno, statt. Mit weit über hundert Veranstaltungen in mehr als zwanzig Veranstaltungsräumen sowie auf Straßen und Plätzen der Altstadt war es ein äußerst beeindruckendes Festival, das an vier Tagen Anfang August 2026 Musik in aller Breite auf ganz hohem Niveau präsentierte. Das Programm ging von Klassik über Jazz, Rock, Pop, Avantgarde bis hin zu traditionellen Stilen wie Folk und Weltmusik und wurde von Einheimischen jeden Alters begeistert aufgenommen. Acts aus Brno und der Tschechischen Republik sowie aus Nachbarländen waren zahlreich vertreten. Musik vom Balkan und Romamusik sind zudem schon seit Anbeginn des Festivals feste Programmpunkte. Brno hat eine lange Geschichte als Hauptstadt Mährens im Osten des Landes, die bis ins tiefe Mittelalter zurückreicht. Architektonisch interessant nicht nur wegen der Burg Spielberg und der Villa Tugendhat, die Mies van der Rohe entwarf, sondern auch wegen der zahlreichen Gebäude aus Gründerzeit und Jugendstil. Zudem ist die sehr angenehme Stadt jung – unter die 400.00 Einwohnerinnen und Einwohner mischen sich immerhin 65.000 Studierende.
Text und Fotos: Willi Klopottek
Am Nachmittag des 6. August eröffnete die Meisterin der Blockflöte, Michaela Koudelková, in der Villa Tugendhat das Festival in kleinem Rahmen mit Barockmusik. Anschließend ging es im Saal des hochmodernen Sono Music Club weiter mit jazzigen Tönen des kubanischen Pianisten Omar Sosa und des italienischen Trompeters Paolo Fresu. Beide wurden unterstützt vom frankovietnamesischen Gitarrenvirtuosen Nguyen Lê, der als Residenzkünstler an allen vier Tagen präsent war und später auch den grandiosen Festivalabschluss gestaltete.
Wie bereits erwähnt, bildete auch 2026 die Musik des Balkan wieder einen Schwerpunkt. Los ging es damit am zweiten Festivaltag open air auf der Festung Spielberg. Die aus Mazedonien stammende Roma-Brassband Džambo Aguševi Orchestra erzeugte von der ersten Sekunde an einen unwiderstehlichen Druck, der das Publikum sofort verzückte. Im Laufe ihres Konzertes erhöhten sie sogar das Tempo. Danach betraten die Legenden der rumänischen Roma-Blasmusik, Fanfare Ciocărlia, die Bühne, die letztes Jahr – etwas verjüngt – ihr dreißigjähriges Jubiläum feierten. Sie brachten das Publikum noch mehr in Wallung. Im direkten Vergleich war es interessant zu hören, dass die rumänische Romamusik nicht weniger druckvoll, aber bisweilen etwas subtiler klingt. Beide Bands spielten natürlich strikt akustisch.
Drei Tage später ging es dann deutlich ruhiger mit Musik vom Balkan weiter. Ort dieses Mal: der wunderschöne, von Galerien umsäumte offene Saal eines der führenden alternativen Theaterprojekte in Tschechien, Husa na provázku, dessen Hauptgebäude aus dem Barock stammt. Den Anfang machten Dobrila & Dorian aus Mazedonien. Die Sängerin Dobrila arbeitet auch mit Loops, während Dorian Oud spielte und auch Elektronik einsetzte. Die beiden verarbeiten alte, traditionelle Musik ihres Heimatlandes. Mit viel Improvisation sowie mithilfe der Effektgeräte offerierten sie eine hochinteressante Reise in die alte Musik Mazedoniens in zeitgemäßer Form. Dann betrat die Kroatin Dunja Knebl die Bühne.
Die heute Achtzigjährige begann erst im Alter von 47 Jahren, sich als Sängerin zu betätigen. Sie gilt als große Erforscherin und Dokumentatorin des traditionellen Liedguts ihrer Heimat. Auf der Bühne trug sie vor allem melancholische Lieder vor und begleitete sich mit Gitarre, Daumenklavier und indischem Harmonium. Ihr Partner ist der junge Multiinstrumentalist Roko Margeta. Zusammen führten sie ganz überzeugend das aufmerksame Publikum durch die verschiedenen Formen kroatischer Volksmusik.
Brno ist Mitglied im Verbund der UNESCO Cities of Music, dem 75 Städte aus aller Welt angehören mit dem Ziel, den musikalischen Austausch zu fördern. Entsprechend gab es auch eine UNESCO-Bühne, auf der man unter anderem das exzellente Duo Duality erleben konnte, das mit Daria Butskaya an Geige und Gesang sowie Spacepierre an Schlagzeug und Elektronik traditionelle Musik aus Polen und Belarus innovativ verarbeitete. Zudem konnte man auf der World Music Stage drei bereits etablierte Acts erleben. Im intimen Saal des alternativen Musikclubs Prvni Patro überzeugte zunächst die Slowakin Júlia Kozáková zusammen mit Kontrabass und dem herausragenden Gitarristen Zsolt Varady mit einem hoch emotionalen Vortrag von Liedern der Roma.
Wie virtuos sich vier Akkordeons in Szene setzen können, bewies das portugiesische Quartett Dancas Ocultas, das bereits seit 1989 zusammen ist. Den Abschluss bildete dann der Italiener Stefano Saletti, der ebenfalls seit den Achtzigern aktiv ist und mit seiner Formation Banda Ikona die verschiedenen Formen der Musik des Mittelmeeres verbindet. Besonders hervorzuheben ist dabei die Sängerin Gabriella Aiello, die mit auf der Bühne stand.
Das Ende des Festivals markierte das furiose Konzert des Trios um Nguyen Lê. An der Wölbbrettzither Koto glänzte die Japanerin Mieko Miyazaki, während der indischstämmige Prabhu Edouard das Publikum im ausverkauften Foyer des Kunstgewerbemuseums mit seinem atemberaubenden Spiel auf den Tablas verblüffte. Im Zentrum aber standen Nguyen Lês Gitarrenkünste, der mit erstaunlicher Kreativität Jazz, indische und japanische Musikelemente verwob und dazu Melodien Vietnams miteinbrachte. Kein Wunder, dass es Standing Ovations gab, die wiederum Zugaben zum Ergebnis hatten.
Als Resümee bleibt festzuhalten, dass das Festivalteam ein hochklassiges Programm zusammengestellt hat, das allerdings so umfangreich war, dass es nur möglich war, einem kleinen Teil beizuwohnen. Unübersehbar war allerdings, dass auch auf den Plätzen und den Straßen der Stadt die Menschen der Stadt in großer Zahl und begeistert das Musikangebot annahmen. Maraton hudby Brno besuchen? Unbedingt!













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